Aus: “Der rote Ritter” von Adolf Muschg. (ISBN 3-518-39081-3)
Ja, die Festlichkeit wurde frugal. Statt der persischen Äpfel mußte man auf gewöhnliche zurückgreifen und sich etwas einfallen lassen, aus dem Wenigen, das ankam, mehr zu machen. Sogar das Brot, das die Herren und Damen hatten unter den Tisch fallen lassen, stand, zur Milchsuppe verwandelt, wieder auf demselben, und einige Nasen rümpften sich, da aber nichts nachkam, mußte sie aufgegessen werden, wenn man nicht geradezu hungern wollte. Eigentlich war es unmöglich, mit dem Landwein, der jetzt auf den Tisch kam, Gesundheit zu trinken. Dafür stellte sich die Gesundheit selbst ein, sogar bei Damen und Herren, die den Überfluß für unentbehrlich gehalten hatten. Ein eigentümliches Vergnügen begann sich unter der neuen Hausmeierschaft auszubreiten, eine Mischung von Galgenhumor, Sportlichkeit und Schadenfreude über sich selbst, aber noch mehr über unerfüllte Gelüste des Nachbarn. Keiner konnte sagen wie: auf einmal wurde es chic, mit dem Geringeren zufrieden zu sein. Je reicher einer war – und der Prinz war ja der Reichste von allen und ging mit gutem Beispiel voran -, desto weniger schien er bei dieser Verteilung des Mangels zu entbehren. Selber ganz nüchtern, ließ er seine Spielpartner auf dem Turnierplatz bei Brot und Wasser antreten und behauptete, daß sie nun erst lernten, wie man sich richtig tummle. Allmählich wurde das sogenannte Turniermenu – um Linsen, Hafergrütze und Apfelmost bereichert – auch die Regel bei der nachfolgenden Festlichkeit. Besonders die Damen wußten die Neue Kärglichkeit zu schätzen. Denn sie bekam ihrer Figur und sogar der Körperfrische, auch bei der Liebeslust.
Wer sagt hier noch Körnerfraß??